Passionstheater Oberammergau | nachtkritik.de
15. Mai 2022. Die bewegendste Szene spielt ganz zum Schluss. Postaufführung. Dann, als sich die Reihen im großen Zuschauerhaus längst leeren und der Himmel über der Freilichtbühne von tiefem schwarzem Blau ist. Die meisten drängen nach den langen Sitzstunden des Passionstags schnell Richtung Ausgang. Einige wenige pilgern durch die Reihen nach vorne: Noch schnell ein Selfie vor der imposanten, betongrauen Kulisse des Jerusalemer Tempelbezirks. Der Applaus war herzlich, aber kurz. Denn keiner der Hunderte von LaiendarstellerInnen kam, gemäß der Tradition, zur Verbeugung auf die Bühne. Es ist also schnell leer, wo sich Minuten zuvor noch Tausende tummelten und nur das kleine Osterfeuer brennt, ein Licht der Hoffnung. Dann kommt doch einer zurück. Heimlich, fast unsichtbar, hat er sich auf das Tempeldach geschlichen. Mit nacktem Oberkörper, kunstblutverschmiert, seitlich des Tympanons: Jesus, der Auferstandene beziehungsweise Frederik Mayet, der ihn spielt. Allein steht er da, ein wenig verloren und blickt hinab auf den Auszug der Schaulustigen aus Oberammergau. Die Zuschauerperspektive hat gewechselt. Und in der Tat, es sind zwei Inszenierungen bei dieser Passionsspielpremiere. Eine auf und eine vor der Bühne.